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Bekehrung ?

Das Wort „Bekehrung“ hat im allgemeinen Sprachgebrauch keinen guten Ruf. Auch in der Kirche ist das nicht anders. Manchmal habe ich erlebt, dass der Prediger oder die Predigerin bei diesem Wort beide Hände in die Höhe reckte. Er oder sie malte dann mit je zwei Fingern Anführungszeichen in die Luft und sprach verschwiemelt von „so etwas wie einer Bekehrung.“

„Bekehrung“ scheint eher zu frömmelnden Sondergemeinschaften zu gehören. Der normale Kirchenchrist ist durch Taufe und Konfirmandenunterricht „religiös sozialisiert“. Das muss genügen.

Die vor einigen Jahren verstorbene Theologin Dorothee Sölle war des Frömmlerischen ganz unverdächtig. Sie nennt Bekehrung „eine der wundervollsten Fähigkeiten, nämlich das Recht ein anderer zu werden.“ Sölle nennt es „Recht“. Ich möchte lieber von einem Geschenk, einer geschenkten Chance sprechen.

Die Bibel erzählt mit weisem Humor von einem Reisenden, der absichtlich in die falsche Richtung reist: Jona bekam von Gott den Auftrag, in die assyrische Stadt Ninive zu gehen. Er, der gläubige Jude, soll den Heiden im Namen des Einen Gottes Buße predigen. Unmöglich! Er flieht in die entgegengesetzte Richtung, um Gott aus den Augen zu kommen. Nach seinem ganz persönlichen Schiffbruch endet die Flucht im Bauch eines Fisches. Dort aber begegnet Jona dem, vor dem er flieht: Gott. Jona kommt mit Gott ins Gespräch. Er betet, und dadurch wird das Ende zum Anfang.

Bekehrung geschieht, wenn das falsche Selbst an das Ende seiner Wege kommt, wenn ihm der Boden der Illusionen und Täuschungen unter den Füßen weggezogen wird.

Das falsche Selbst, das ist der Mensch, der sich vor dem Spiegel seiner Ideale selbst inszeniert. Er kostümiert sich mit Statussymbolen und Beziehungen, mit Idealismus und Religion, mit Pflichtbewusstsein und Frömmigkeit. Nichts ist dafür ungeeignet. Vieles ist nicht einmal schlecht. Aber was ist, wenn der Schein das Sein beherrscht ?

Im „Bauch des Fisches“ stirbt das falsche Selbst. Der Mensch legt seine Kostüme ab, weil er sich im Spiegel Gottes erkennt. Er erkennt, wie sehr er sich durch Selbst-Inszenierung verfehlt hat. Aber: Das Leben kann noch einmal neu beginnen: Leben im wahren Selbst!

Das Eingeständnis der falschen Lebensrichtung ist der Abschied von der Selbstverholzung. Ohne diese Erkenntnis setzt man sich selber fort, bis die letzte Freiheit verspielt ist. Man kann keine neuen Wege gehen, man kann nicht mit sich selbst brechen, und so bleibt man ein Gefangener des eigenen, in sich selbst verschlossenen Herzens (Fulbert Steffensky).

Noch ein Nachtrag zur Jonageschichte: Wer sie weiter liest, erfährt von Meinungsverschiedenheiten zwischen Gott und Jona. Der Kampf zwischen dem falschen und dem wahren Selbst war keineswegs ein für alle Male ausgefochten. Aber Gott blieb Jona auf der Spur, und vergessen konnte der ihn nicht mehr.

Ich lebe, doch nun nicht ich,
sondern Christus lebt in mir
.
(Paulus nach dem Brief an die Galater, Kapitel 2, Vers 20)

von Hermann Bollmann


Hermann Bollmann war 23 Jahre CVJM-Sekretär in Hamburg und Essen, anschließend bis zum Ruhestand 12 1/2 Jahre Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Vereinten Evangelischen Mission (VEM)